Kevin – Allein zuhause

Wer aus meiner Generation kommt, kann sich vielleicht noch erinnern: eine Familie macht sich auf die Reise und ein kleiner Junge wird vergessen, bis er feststellt, dass er allein zu Hause ist. Kevin zu Hause, alle anderen sind ausgeflogen.

Während nun im gleichnamigen Film aus den 90ern sich alle bemühen, den Vergessenen doch irgendwie entweder nachzuholen oder zumindest schnellstmöglich wieder in den Status des Nicht-Alleineseins zu versetzen, für das Alleinezuhausesein ist Kevin nämlich zu jung, bemühen sich in der heutigen Realität diejenigen, die eigentlich bei Kevin zuhause sein müssten, deutlich zu machen, dass Kevin gar nicht zu Hause ist, sondern dass sie selbst zuhause sind, dieses Zuhause aber woanders ist, als Kevin dachte und Kevin sich irgendwie von diesem Zuhause entfernt hat. Wie anders soll man sonst verstehen, dass gerade die eher links orientierte SPD (oder ist sie das gar nicht mehr?) nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich von Kevins Thesen zu distanzieren oder gar seinen Parteiausschluss zu fordern?

Da kann man sich das Schmunzeln kaum verkneifen, wenn die Taz bemerkt: „Beunruhigend ist nicht eine steile Formulierung, beunruhigend ist eine Linke, die vor lauter Angst, anzuecken, gar keine Zukunftsideen mehr hat.“.

Und irgendwie will man dem, vielleicht sogar als selbst eher konservativ eingestelltes Mitglied der Gesellschaft, zumindest nicht völlig widersprechen. Vielleicht will man nicht den im Interview beispielhaft genannten „Lösungen“ zustimmen, die Kevin in seinem neuen Zuhause eruiert, vielleicht aber der Feststellung, dass ein „weiter so“ allein nicht zielführend ist. Wir haben weder einen „Planeten B“ als Ausweichreserve noch ist dauerhaft akzeptabel, dass in einer reichen Gesellschaft Menschen mit einer qualifizierten Ausbildung einen Zweitjob annehmen müssen, um über die Runden zu kommen.

Und so wird es spannend sein, wer den Wettbewerb der Ideen, von der eine Demokratie bekanntlich bis vor Angela Merkel gelebt hat (seitdem ist Politik alternativlos… ok, das ist jetzt etwas einseitig…), neu beleben wird. Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit, die Debatte über gesellschaftliche Zielvisionen im Großformat zu eröffnen und nicht nur darüber zu diskutieren, wie man kleinere Gruppen der Gesellschaft vor Diskriminierung schützt (was zweifelsohne ein lobenswertes Thema ist). Mal sehen also, woher die dringend benötigten neuen Impulse kommen werden. Ach ja, eins noch: Pöbeln ist keine Antwort!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.