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Das Beste wollen…

Nur das Beste will die Mutter für Ihr Kind, der Chef für die Firma, der Freund für die Freundin… nur das Beste wollen die meisten Menschen und das i. d. R. für sich aber auch für Andere. Nur das Beste wollen – und dabei nicht merken, dass man immer nur von der eigenen Interpretation des Besten gelenkt wird und nicht selten blind ist für die Interpretation des Anderen. Und dann wird auf einmal „doch nur das Beste wollen“ zur Verblendung, zum Zwang, zum Despotismus. Vermutlich passiert nicht wenig Unheil in der Welt, weil jemand „das Beste“ will – für die Anderen.

In den aktuellen Debatten um Enteignungen von Eigentümern zum Wohle der Mieter, zum Schutz des Klimas bedingte Verbote von was auch immer gerade nicht en Vogue ist, von Regeln zur Antidiskriminierung per Gesetz (Achtung: Böckenförde Theorem beachten) kommt es mir manchmal so vor, als seien wir auf dem besten Weg, nur das Beste zu wollen, koste es, was es wolle. Ein bisschen mehr Einsicht in die eigene Beschränktheit der Erkenntnis dürfte uns mehr Liebe ins Herz geben, die Bedürfnisse des Andren nicht „dem Besten“ (bzw. meiner Meinung davon) zu opfern.

Vielleicht schenkt der Hl. Geist an Pfingsten ein wenig von dieser Einsicht.

Gesegnete Pfingsten!

Kevin – Allein zuhause

Wer aus meiner Generation kommt, kann sich vielleicht noch erinnern: eine Familie macht sich auf die Reise und ein kleiner Junge wird vergessen, bis er feststellt, dass er allein zu Hause ist. Kevin zu Hause, alle anderen sind ausgeflogen.

Während nun im gleichnamigen Film aus den 90ern sich alle bemühen, den Vergessenen doch irgendwie entweder nachzuholen oder zumindest schnellstmöglich wieder in den Status des Nicht-Alleineseins zu versetzen, für das Alleinezuhausesein ist Kevin nämlich zu jung, bemühen sich in der heutigen Realität diejenigen, die eigentlich bei Kevin zuhause sein müssten, deutlich zu machen, dass Kevin gar nicht zu Hause ist, sondern dass sie selbst zuhause sind, dieses Zuhause aber woanders ist, als Kevin dachte und Kevin sich irgendwie von diesem Zuhause entfernt hat. Wie anders soll man sonst verstehen, dass gerade die eher links orientierte SPD (oder ist sie das gar nicht mehr?) nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich von Kevins Thesen zu distanzieren oder gar seinen Parteiausschluss zu fordern?

Da kann man sich das Schmunzeln kaum verkneifen, wenn die Taz bemerkt: „Beunruhigend ist nicht eine steile Formulierung, beunruhigend ist eine Linke, die vor lauter Angst, anzuecken, gar keine Zukunftsideen mehr hat.“.

Und irgendwie will man dem, vielleicht sogar als selbst eher konservativ eingestelltes Mitglied der Gesellschaft, zumindest nicht völlig widersprechen. Vielleicht will man nicht den im Interview beispielhaft genannten „Lösungen“ zustimmen, die Kevin in seinem neuen Zuhause eruiert, vielleicht aber der Feststellung, dass ein „weiter so“ allein nicht zielführend ist. Wir haben weder einen „Planeten B“ als Ausweichreserve noch ist dauerhaft akzeptabel, dass in einer reichen Gesellschaft Menschen mit einer qualifizierten Ausbildung einen Zweitjob annehmen müssen, um über die Runden zu kommen.

Und so wird es spannend sein, wer den Wettbewerb der Ideen, von der eine Demokratie bekanntlich bis vor Angela Merkel gelebt hat (seitdem ist Politik alternativlos… ok, das ist jetzt etwas einseitig…), neu beleben wird. Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit, die Debatte über gesellschaftliche Zielvisionen im Großformat zu eröffnen und nicht nur darüber zu diskutieren, wie man kleinere Gruppen der Gesellschaft vor Diskriminierung schützt (was zweifelsohne ein lobenswertes Thema ist). Mal sehen also, woher die dringend benötigten neuen Impulse kommen werden. Ach ja, eins noch: Pöbeln ist keine Antwort!

Empörismusfasten

https://www.der-postillon.com/2019/03/skandal.html

Zur Fastenzeit ein vielleicht ungewöhnliches Thema: Faste doch mal Empörismus!
Der Artikel aus dem Postillion fasst alle in jüngster Zeit geschehenen und öffentlich – ich mag schon sagen – ausgeschlachteten Scherze und/bzw. Diskriminierungen (unrechtmäßigen oder als unrechtmäßig empfundenen) über/von Minderheiten, Mehrheiten, Ureinwohner, Doppelnamenträger und Religionen zusammen – und wird wohl deswegen selbst als Artikel darüber als unangemessen disqualifiziert. Erinnert man ein paar weitere der letzten Jahre, fehlen natürlich die Klassiker „Zigeunersauce“, „Mohrenkopf“ oder „Negerkuss“ usw., wobei es Stimmen gab (gibt?), dass der Begriff „Mohr“ in der Literatur doch bitte rückwirkend gelöscht werden solle. Der letztens erschienene Artikel über Frauenparkplätze, deren Beschilderung jetzt in einer Kommune in Oberbayern nicht mehr blau sein soll, weil sie sonst den Eindruck erwecken, sie seien nach Straßenverkehrsordnung verpflichtend für Frauen freizuhalten (was nicht der Fall ist), geht einen Schritt weiter: die Schilder sollen gegen pinkfarbene ausgetauscht werden. Als ich das las, schaute ich in den Kalender: nein, es war nicht der 1. April (und hoffentlich trotzdem nur ein Fake). Ich bin gespannt, wann die nächste Klage kommt, weil Pink und weiblich so etwas von klischeehaft ist, dass das natürlich gar nicht geht… noch dazu suggeriert es vielleicht, dass künftig alle blau ausgeschilderten Parkplätze nur noch für Männer seien. Über den altersdiskriminierenden Seniorenteller im Restaurant habe ich in letzter Zeit keine Artikel gelesen, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden bzw. wieder aufgewärmt werden. Im Tarifrecht ist schon vor mehreren Jahren festgestellt worden, dass die altersgebundene Anzahl an Urlaubstagen (i. d. R.) unrechtmäßig, weil altersdiskriminierend ist. Dass China in den Schulen eine Digitalisierungswelle startet, während, wie ich ebenfalls las, wir erste Grundschulen (!) mit einer Toilette für das 3. Geschlecht ausstatten, macht es nicht einfacher. Der Versuch, künftig mit Unisextoiletten auszukommen, führte jedoch gleich zu der Bemerkung, dass andere dadurch eingeschränkt fühlten, wenn es nur noch Unisextoiletten gäbe. Was soll man sagen…

Mein Eindruck: irgendwie Wahnsinn und wehe, man steht mitten drin in der Empörungswelle, denn eine neue Form des -ismus, der Empörismus scheint zum Standard geworden zu sein. Und alle machen mit (ich auch…, soweit zum eigenen Balken, zur eigenen Nase, zur eigenen Haustür…). Alle Versuche, über (verordnete) Sprachregelungen, gut gemeinte Antidiskriminierungsversuche, bürokratische Akrobatiken usw. eine nicht-diskriminierende Umgebung/Gesellschaft zu schaffen, führen offensichtlich zu Stilblüten der besonderen Art an anderer Stelle – und darüber wird sich dann, mal von rechts, mal von links, mal von oben oder unten empört. Und manchmal wird sich auch über die Empörung empört, wie jüngst das Beispiel von AKK zeigt. Es scheint daher wenig überraschend, dass die Anzahl der Hypertoniepatienten in Deutschland steigt.

Wo aber liegt die Lösung? Diskriminieren wir also munter darauf los all diejenigen, die außerhalb der gesellschaftlichen – wie soll man es nennen? – „Gaußschen Normalverteilung“ liegen? Nein, das kann es nicht sein. Also eingehen auf jede diskriminierende oder auch (nur) als Diskriminierung empfundene Situation und Verordnungen, Gesetze, bauliche Lösungen… schaffen, die dem entgegenwirken? Hm… das scheint mir im Moment der versuchte Weg mit den gerade angezeigten Ergebnissen.

Was ist es, was die (gesellschaftliche) Welt im Inneren zusammenhält? Böckenförde, jüngst verstorben, bemerkte passend und nicht zu Unrecht: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, dass er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben…“ (Hervorhebung nicht im Original).

Es geht scheinbar nicht anders, es liegt an uns, an jedem einzelnen Menschen dieser Gesellschaft, an unserer ganz eigenen „moralischen Substanz“, an meiner und an Deiner, der Du diesen Text liest. Woher aber nehmen wir diese „moralische Substanz“ gerade in einer Gesellschaft, die immer weniger Homogenität aufweist? Das Blöde: auch da sind wir, als Menschen eines freiheitlichen Staates auf uns selbst zurückgeworfen. Als Christ versuche ich, meine „moralische Substanz“ aus meinem Verhältnis zu / aus meinem Verstehen von Gott zu gewinnen, in Seiner Schrift zu lesen und zu verstehen, was sie mir sagen will. Und schon dabei stoße ich in der Diskussion mit Geschwistern an die Grenzen, denn mein Erkennen ist Stückwerk. Weniger Konflikte ergeben sich wenn ich Geschwister erlebe, deren Wissen um das Stückwerk ihrer eigenen Erkenntnis groß ist, denn daraus erwächst Bescheidenheit und Zurückhaltung. Zurückhaltung scheint mir ein Ansatz zu sein, dem Empörismus zu begegnen. Ich nehme mir vor, in der Fastenzeit mal „Empörismusfasten“ zu machen, mal sehen, ob/wie sich mein Blick verändert.